Doch, das geht schon so. Eine Lanze für agile Job-Titel.

Im Laufe der Woche kam ein Artikel von Patrick Koglin in meinem Newsreader reingeflogen. Patrick beschreibt die Verwendung von Bezeichnungen wie Senior Scrum Master oder Junior Scrum Master als schlimm. Ich lese Patricks Artikel gern und teile seine Meinung häufig, aber in diesem Fall muss ich vehement mein Veto einlegen.

Zunächst der Aspekt, in dem ich dem Artikel zustimme: Nur, weil ein Board im Raum steht, bin ich nicht agil. Agil ist eben nicht Cargo Cult, sondern eine echte Kultur, ein Mindset. Ebenso denke ich, dass in einem agilen Team einem jungen Entwickler ebenso zugehört werden muss, wie der erfahrenen Kollegin und beide auf Augenhöhe zusammenarbeiten sollten. Gleiches gilt für Scrum Master, Product Owner und jeden Manager. Sowohl innerhalb eines Teams als auch in der Umwelt.

Dafür muss ich aber nicht agil sein, das ist schlicht und einfach der Respekt vor anderen Menschen, der diese Sichtweise gebietet.

Der Aspekt, bei dem ich grundlegend anderer Meinung bin, ist, dass es keine Senior oder Junior Scrum Master als Job-Bezeichnung geben darf. Ich bin der Meinung, dass so etwas völlig ok ist und viele Organisationen es sogar unbedingt benötigen. Ich zitiere gerne Tucholsky mit  „Erfahrung bedeutet nichts, man kann eine Sache auch dreißig Jahre lang schlecht machen.“ Für mich bedeutet das, dass Bezeichnungen wie Senior nicht an das Dienstalter gekoppelt sein dürfen.

Menschen orientieren sich an solchen Bezeichnungen, sie sind Teil der Struktur einer Organisation. Wenn ich dieses Argument aus dem Hut ziehe, kommt meistens das Gegenargument, dass in solchen Organisationen die Kultur kaputt sei. Und das ist  in meinen Augen schlimm.

Ich finde es völlig ok, zwischen Junior und Senior Scrum Mastern zu unterscheiden. Der Junior Scrum Master ist einer, dem ich helfe, großartig zu werden. Der Mensch ist es schon, der Scrum Master muss einiges erleben. Und damit der Scrum Master das kann, bekommt er Unterstützung von einem Senior, der schon war, wo der Junior noch hin will. So einfach ist das.

Und ja, ich finde es absolut gerechtfertigt, wenn jemand stolz darauf ist, ein Senior Scrum Master zu sein und sich diese Bezeichnung verdient hat, indem er ganz viele Teams großartig gemacht hat und jede Menge unerfahrene Scrum Master an seinem Wissen und Können hat teilhaben lassen. Das ist Agilität.
Die Ablehnung von Job-Titeln aus Prinzip ist hingegen Cargo Cult.

2 Kommentare bei „Doch, das geht schon so. Eine Lanze für agile Job-Titel.

  1. Hallo Gerrit,

    vielen Dank, dass du deine Meinung geteilt hast.

    Niemand lehnt Job-Titel aus Prinzip ab. Die Begründung dafür steht in meinem Blog und in den Scrum-Büchern.

    Du triffst es genau auf den Punkt – noch besser als ich – danke dafür. Es ist der Stolz der dahinter steht. Der wird zum Problem.

    Stolz etwas schon fünf Mal, zehn Mal, zehn Jahre gemacht zu haben, der Menschen in den Wrong Turn laufen lässt. Die extremen schweben vor lauter Stolz durch die Räume.

    Daneben treibt der Junior Titel an zum Senior zu werden. Druck steigt, Wettbewerb steigt: Endlich „Senior“ werden, durch die Gänge schweben, viel Geld verdienen.

    Alles #wrongTurns die eins bestärken: Machtkämpfe.

    Du sagtest etwas, was ich für sehr gut halte:
    „Dafür muss ich aber nicht agil sein, das ist schlicht und einfach der Respekt vor anderen Menschen, der diese Sichtweise gebietet.“

    Genau! Jeder kann in der Lage sein, einem anderen gegenüber Respekt auszustrahlen – nämlich ohne Jobtitel. Aber das wechselt, je nach Aufgabengebiet wer den gewissen Respekt verdient hat und bekommt.

    Viele Grüße
    Patrick

    1. Machtkämpfe hat man, wo immer man zwei Menschen in einen Raum steckt.
      Ich glaube nicht, dass Job-Titel deren Ursache sind. Ich halte diese Perspektive sogar für naiv.

      Zu versuchen, Machtkämpfe durch den Verzicht auf Job-Titel zu eliminieren, ist, als wolle man ein gebrochenes Bein mit Paracetamol heilen.
      In meinen Augen ist das eine Vogel-Strauß-Strategie. Wenn man ein Problem mit Macht und Stolz hat, muss man mit den Menschen arbeiten, nicht mit den Titeln.

      Was Stolz angeht, finde ich es extrem negativ und falsch, diesen zu verurteilen oder sogar zu bekämpfen.
      Stolz ist es, was Teams großartig macht. Und großartige Teams brauchen großartige (stolze) Menschen.

      Ich möchte nirgendwo arbeiten, wo es einen Druck gibt, vom Junior zum Senior zu werden.
      Ich möchte auch nirgendwo arbeiten, wo Menschen nicht als Menschen behandelt werden. Auch nicht, wenn es dort keine Job-Titel gibt.
      Ich möchte aber auch nirgendwo arbeiten, wo nicht deutlich wird, dass ich schon was geleistet habe, ohne dass ich jedesmal meinen CV vorlese.

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