Vertraue der Macht – Schätzen ohne Bezugssystem

Ein große Herausforderung für Teams in neuen Projekten ist die initiale Schätzung der anstehenden Aufgaben. Selbst wenn man eine abstrakte Einheit wie Story Points zur Bewertung der Größe von Aufgaben heranzieht, ist die erste Schätzung alles andere als trivial. Ich habe festgestellt, dass gerade Planning Poker für die erste Schätzung nur sehr eingeschränkt geeignet ist.

Planning Poker ist eine gute Methode, um Schätzungen für Aufgaben zu ermitteln, wenn in den Domänen und Technologien bereits Wissen vorhanden ist. Gerade am Anfang eines Projektes gibt es aber genau dieses Wissen oft nicht und Teams tun sich schwer, diese Schätzungen für einzelne Items abzugeben. In solchen Situationen hat es sich bewährt, Aufgaben nur relativ zueinander zu schätzen und das Bezugssystem erst im Nachhinein festzulegen. Da Story Points eine abstrakte Einheit sind, die nicht mit einem festen Faktor in andere Einheiten umgerechnet werden kann, ist das problemlos möglich.

Eine Methode, die genau das möglich macht und sich bei der initialen Schätzung von Backlogs schon oft bewährt hat, ist die Magic Estimation. Ich kenne etliche verschiedene Ausprägungen, wie eine Magic Estimation im Detail ablaufen kann.

Für die oben beschriebene Situation empfehle ich in der Regel folgenden Ablauf: Aus dem Backlog werden Items ausgewählt, auf Karten geschrieben und an die Teammitglieder verteilt, so dass jedes Teammitglied zwei bis vier Karten erhält. Die gewählten Backlog Items werden dann im Team und mit dem Product Owner diskutiert. Das geschieht in einer festen Timebox. Empfehlenswert ist, maximal eine Stunde dafür aufzuwenden. Nachdem die Items diskutiert wurden, beginnt die eigentliche Schätzung. Dafür wird ein langer Tisch benötigt, dessen gegenüberliegende Seiten mit „Klein“ und „Groß“ beschriftet werden.

Während der Schätzung darf nicht gesprochen werden. Die Teammitglieder dürfen in jeder Iterator zwei Backlog Items auf dem Tisch bewegen. Eine Bewegung ist das Hinlegen eines neuen Items oder das Verschieben eines Items, das schon auf dem Tisch liegt. Die Items sollen anhand ihrer Größe verglichen werden, gleich große Items werden untereinander gelegt, verschieden große Items nebeneinander. Die Orientierung dafür geben die Seiten des Tisches. Die Teammitglieder treten nacheinander an den Tisch heran, so lange, bis entweder die Timebox aufgebraucht ist oder sich das Bild auf dem Tisch stabilisiert. Das dauert meist nicht länger als eine halbe Stunde.

Auf dem Tisch haben sich nach Ablauf der Timebox in der Regel fünf Cluster ähnlich großer Backlog Items gebildet, mal einer mehr, mal einer weniger. Diesen Cluster werden nun von „Klein“ nach „Groß“ Story Points zugewiesen. Der Cluster, der am weitesten bei „Klein“ liegt, bekommt die Karte mit der 1 und alle folgenden Cluster die nächsthöhere Karte.

Die große Frage ist: Warum funktioniert das und wie zuverlässig ist diese Schätzung?
Die Antwort besteht aus mehreren Aspekten. Diese Schätzung funktioniert, weil sie auf einer Fähigkeit basiert, die Menschen sehr gut beherrschen, nämlich dem Vergleichen. Sie ist valide, weil die Story Points eine abstrakte Einheit sind, die erst durch die Velocity des Teams in eine Planungsgröße konvertierbar wird. Und sie ist zuverlässig, weil sie auf dem Intelligenz des Schwarms basiert. Die Backlog Items werden diskutiert, aber nicht, wie häufig beim Planning Poker, en detail zerredet.

Als Nebeneffekt entsteht durch die Magic Estimation eine Eichung der Größe von Backlog Items in Story Points für alle Größenordnungen – und diese ist wesentlich besser als Grundlage für Planning Poker Sessions geeignet, als die berühmte einzelne Referenz-Story. Das Team hat durch die Magic Estimation ein ganzes Set von Referenz-Items geschaffen, an denen sich zukünftige Schätzrunden orientieren können.

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