Eine Lanze für Junior ScrumMaster

Zu Zeiten in denen ich als ScrumMaster von Team zu Team durch die Welt reiste, war eine Frage, die mir häufig begegnete:
Wieviel Entwicklungserfahrung haben Sie denn?

Ich fand das immer seltsam. Viel interessanter wäre doch die Frage gewesen:
Wieviele Teams sind mit Ihnen erfolgreich agil geworden?

Aus irgendeinem Grund regiert aber der Glaube, ScrumMaster müssten erfahrene Entwickler sein. Das habe ich auch in vielen Unternehmen, die ich begleitet habe, erlebt. Der Karrierepfad eines ScrumMasters begann in der Regel erst, wenn man bereits Senior Entwickler war. Dabei sind die Fähigkeiten eines Senior Entwicklers völlig andere als man die für die Rolle des ScrumMasters benötigten.

Ich denke, der Weg eines ScrumMasters muss nicht mit der Rolle eines Entwicklers beginnen. Ebenso wie es Junior Entwickler gibt, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben und dann in der Praxis noch das Handwerk lernen, kann es auch Junior ScrumMaster geben.

Von einem solchen Junior ScrumMaster würde ich erwarten, dass er ein grundlegendes Verständnis für die Entwicklung von Software hat. Ich würde aber nicht erwarten, dass er ein begnadeter Programmierer ist. Unbedingt notwendig ist ein Gespür dafür, wie es Menschen geht, was sie bewegt und wie man an ein Team herangehen kann.
Das Gespür hat man – oder nicht. Es gehört zu den Fähigkeiten, die nicht wirklich erlernt werden können, die nur durch Erfahrung besser werden. Deshalb sollte man junge Softwerker, die diese Fähigkeiten haben, nicht in die Entwicklung stecken, sondern einem erfahrenen ScrumMaster als Mentee an die Hand geben.

Ich treffe regelmäßig auf gut eingespielte Teams, deren ScrumMaster ihnen nichts mehr geben kann, weil das Team einen hohen Reifegrad erreicht hat. Man könnte dem ScrumMaster eines solchen Teams einen Junior zu Seite stellen. Dieser Junior kann dann in drei bis sechs Monaten aufgebaut werden und nach Ablauf der Zeit den ScrumMaster ablösen. Die restliche Ausbildung des Juniors schafft das Team. Ja, wirklich, die können das.
Der „alte“ ScrumMaster kann sich dann um ein neues Team kümmern. Oder um ein schwieriges Projekt. Oder er wird Agile Coach.

P.S. Ich hatte das Glück, zwei solchen Junior ScrumMastern zu begegnen. Beide waren junge Damen und beide hatten ihre Teams in kurzer Zeit sehr gut im Griff. Ich habe nie erfahren, ob sie gute oder schlechte Entwicklerinnen geworden wären. Und es spielt auch überhaupt keine Rolle.

4 Kommentare bei „Eine Lanze für Junior ScrumMaster

  1. Klingt interessant aber warum sollte gerade ein Team mit einem hohen reifegrad einen Junior Scrum Master haben ?
    Wäre es nicht Sinnvoller wenn solch ein Team einen nur noch ab und zu scrum master bekommt ?

    Stattdessen lieber Junger Scrum Master ein junges team und diesem einen Senior Coach zur seite stellen.

    1. Ein Team, das selbst einen hohen Reifegrad hat und sich sehr gut selbst organisiert ist aus meiner Sicht ein optimales Umfeld für die Ausbildung eines ScrumMasters.
      Der Junior ScrumMaster kann das Ziel seiner Arbeit erleben und vom Team lernen, wie es dorthin gelangt ist.

      Um junge Teams zu führen, braucht es meiner Erfahrung nach starke ScrumMaster, die methodisch sicher sind, die Schwachstellen früh erkennen und die typsichen Probleme schon einmal erlebt haben.
      Erfahrungswissen halt. Das hat ein Junior nicht und es ist ein Unterschied, das Wissen zu haben oder einen Coach zu haben, der das Wissen hat.

      Anders ausgedrückt:
      Ein Fehler des Juniors bei einem erfahrenen Team wird vom Team korrigiert, weil die wissen wie’s geht.
      Ein Fehler des Juniors bei einem jungen Team führt eventuell dazu, dass der gesamte Prozess nicht richtig funktioniert und in Frage gestellt wird.

  2. Ja, der Beitrag ist schon einen Tag älter, aber ich finde ihn jetzt gerade.
    Ich beginne gerade, mich mit dem Thema Scrum zu beschäftigen und bin angetan. Ich selber komme aus dem klassischen Projektmanagement (PRINCE2 hauptsächlich gepaart mit Verstand und Empathie), dazu noch aus dem Infrastruktur-Bereich und habe ausversehen jetzt mit Entwicklung zu tun (im Sinne von andere entwickeln und ich leite ein Projekt). Dazu bin ich Mediator und Kommunikations-Berater und irgendwie sagt mir mein Bauch, dass ich damit eigentlich sogar viele Voraussetzungen für einen Scrum Master mitbringe, ohne viel von Entwicklung zu verstehen.
    Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

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