Post Mortem: bitte positiv!

Es gibt Unmengen an Methoden, Post Mortems oder Retrospektiven zu gestalten. In der Praxis dominiert aber in der Regel die klassische Variante mit den zwei Fragen: Was lief gut? Was lief schlecht? Diese Variante ist zwar besser als gar nichts, sie richtet den Blick aber primär in die Vergangenheit.

Aus den gut und schlecht gelaufenen Aspekten Maßnahmen abzuleiten, ist ein Knochenjob und verläuft nicht selten im Sande. Ich möchte im Folgenden eine Möglichkeit vorstellen, wie man Post Mortems und Retrospektiven positiv gestaltet, in die Zukunft blickt und Maßnahmen ohne viel Aufwand ermittelt.

Wichtig ist zunächst, dass möglichst alle, die an einem Projekt mitgearbeitet haben, auch zur Auswertung eingeladen werden. Jeder hat eine individuelle Sicht und kann diese einbringen. Und da ein einzelner Mensch nur begrenz intelligent sein kann, ist es nur logisch, für den Blick in die Zukunft möglichst das Wissen und die Erfahrung aller abzugreifen.

Ein anderer Punkt ist die Konzentration auf die Zukunft und das, was schlecht lief, nicht explizit zu erwähnen. Die meisten Retrospektiven und Post Mortems leiden darunter, dass Gutes und Schlechtes als gleichwertig betrachtet werden. Das erscheint zunächst auch logisch, denn Menschen lernen ja aus Fehlern. Aber Menschen sprechen nicht gerne über Negatives. Wir ticken einfach nicht so. Wir wollen das weniger Gute möglichst schnell vergessen und uns in den Erfolgen sonnen. Das bedeutet nicht, dass die schlecht gelaufenen Aspekte des Projektes ignoriert werden. Doch dazu weiter unten mehr.

Um die Retrospektive durchzuführen, benötigt man ein Wollknäuel aus reißfester Wolle und ausreichender Länge. Ich nehme immer Knäuel mit 250 Metern oder mehr. Alle Teilnehmer stellen sich im Kreis auf, jeweils mit einer Armlänge Abstand. Eine Person wird zufällig ausgewählt und bekommt den Anfang des Wollknäuels um die Hüfte gebunden.
Diese Person nimmt jetzt das Wollknäuel in die Hand und sucht sich eine zweite Person aus, bei der sie sich bedanken möchte. Wichtig ist, dass man sich für etwas bedankt, dass die zweite Person im Projekt getan hat. Das kann eine Kleinigkeit sein oder auch eine große Leistung. Nach dem Bedanken wirft die erste Person der zweiten das Wollkäuel zu. Diese legt sich die Wolle um die Hüfte und sucht sich ihrerseits eine Person aus, um sich zu bedanken.

Wollknäuelretrospektive
Ein Netz entsteht (Bishkek, 2013)
Das Wollknäuel wird so von Person zu Person geworfen und jedesmal bedankt man sich. Nach einigen Iterationen entsteht ein ziemlich enges Netz zwischen den Teilnehmern. Durch das Bedanken herrscht eine durchweg positive Stimmung. Menschen bedanken sich einfach gerne. Die Gründe, aus denen sie sich bedankt haben, liefern direkt die Maßnahmen, die man für zukünftige Projekte übernehmen kann. Je öfter sich für eine bestimmte Sache bedankt wurde, desto deutlicher wird, dass diese Sache es wert ist, als Pattern für zukünftige Projekte zu dienen.

Ein kurioser Effekt entsteht durch das Weglassen der schlecht gelaufenen Punkte: Wenn ein Punkt, der schlecht lief, wirklich weh getan hat, dann gab es jemanden, der im Laufe des Projektes einen Vorschlag zu dessen Ausbesserung gemacht hat. Garantiert. Bei dieser Person werden sich die anderen für genau diesen Vorschlag bedanken, auch wenn er nicht umgesetzt wurde. Doch anstatt mit dem Sammeln von negativen Punkten die Stimmung herunter zu ziehen, liefern die Teilnehmer mit bester Laune direkt die Lösung für die Probleme der Vergangenheit.

Wollknäuelretrospektive
Wollknäuelretrospektive in Bishkek, 2013
Diese muss man nur noch Sammeln, entweder in dem man das Ganze auf Video aufzeichnet und danach auswertet oder einfach mitschreibt.

Wird das Projekt fortgesetzt, kann man jetzt noch eine weitere Sache machen, die das Team zusammenschweißt. Im Normalfall sind nach einigen Runden Wollknäuel werfen alle ziemlich miteinander vernetzt. Der Moderator wird jetzt einzelnen Teilnehmern auf die Schulter klopfen. Derjenige Teilnehmer, dem auf die Schulter geklopft wurde, soll einen Schritt zurücktreten und diejenigen, bei denen der Faden zieht, sollen die Hand heben. Danach darf der Teilnehmer wieder in den Kreis zurücktreten. Wenn der Moderator anfängt, immer schneller um den Kreis herum zu laufen und dabei zufällig ausgewählten Teilnehmern auf die Schulter klopft, wird den Teilnehmer deutlich, wie gut und wie eng sie als Team zusammengearbeitet haben. Die positive Stimmung durch das Bedanken wird dadurch noch verstärkt und das Team geht motiviert ins nächste Release.

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